Frachtschiffreise nach New York

ET am 30. Juni 2008

Wer wie ich Angst vor einer Flugreise hat, dem bleiben nur wenige Alternativen, in die USA zu kommen. Es bleibt eigentlich nur eine Schiffsreise. Da ein normales Passagierschiff eine Menge kostet und ich kein großer Freund von Abendkleidern und Tanztee bin, fiel meine Wahl auf eine Frachtschiffreise.

Zahlreiche Reedereien bieten Passagen auf ihren Frachtschiffen an, aber die Vorstellung auf einem riesigen Containerschiff den Atlantik zu überqueren, was gewöhnungsbedürftig. Viele meinen, man müsse an Bord arbeiten, wie zum Beispiel das Deck schrubben, Kartoffeln schälen oder ähnliches. Weit gefehlt. Man reist schließlich als Passagier mit und hat alle Zeit der Welt, sich zu entspannen, zu faulenzen und die Reise zu geniessen. Mit den Reiseunterlagen bekam ich einen Lageplan des Containerhafens mit der genauen Beschreibung des Liegeplatzes des Schiffes. Das Schiff zu finden, war damit kein Problem mehr.

Es folgte die Anmeldung beim Zahlmeister der sich meinen Pass ansah (der noch mindestens sechs Monate gültig sein muss) und mich herzlich an Bord begrüßte. In meiner Fantasie hatte ich mir die Koje als einen düsteren, fensterlosen Raum irgendwo in der Nähe des Maschinenraums mit reichlich Lärm vorgestellt, aber ich wurde eines Besseren belehrt.

Meine Kabine lag Steuerbord auf dem fünften Deck und war knapp 20 qm groß, hell und freundlich. Die Einrichtung war zweckmäßig, Bett, Tisch, Sessel, Kleiderschrank und ein Sofa. Die kleine Duschkabine mit WC und Waschbecken war zwar fensterlos, aber sehr sauber. Einziges Manko: Der Blick aus dem Bullauge fiel leider nicht auf das unendliche Meer, sondern auf einen roten Container.

Der erste Offizier informierte mich über die Gepflogenheiten an Bord und zeigte mir die wichtigsten Plätze. Das “Sonnendeck” zu Beispiel, ein kleines Plätzchen am Bug mit Liegestühlen. Drinks werden allerdings nicht serviert. Aber man kann an einer Art Kiosk an Bord einige Dinge kaufen, unter anderem auch ein Flasche Wein oder Bier und meine Kabine hat ja einen kleinen Kühlschrank.

Beim Abendessen in der Offiziersmesse werde ich dem Kapitän vorgestellt und er nimmt sich die Zeit mir etwas über das Schiff zu erzählen. Baujahr, Gewicht, Länge und ich staune. Er lädt mich ein, ihn einmal auf der Brücke zu besuchen. Das Schiff fährt unter deutscher Flagge, aber die Mannschaft kommt aus aller Herren Länder. Alle sind freundlich, zuvorkommend und immer zu einem Scherz aufgelegt.

Die Reisekosten werden pro Tag berechnet und liegen bei ca. 100,- US Dollar. Die Vollpension ist im Preis enthalten. Das Essen ist sehr abwechslungsreich, reichhaltig und sehr lecker. Frühstück und Abendessen gibt es in Büffetform und beim Mittagessen habe ich zwei Gerichte zur Auswahl plus Nachtisch. Zudem kann man sich den ganzen Tag über an großen Obstkörben bedienen.
Meine Kabine muss ich selbst sauberhalten, aber das ist kein Problem. Für die Wäsche stehen Waschmaschine und Trockner bereit, die ich mitbenutzen darf.

Für mich gibt es keinen festen Tagesablauf. Ich kann entweder in der Sonne sitzen und mir den Wind um die Ohren pusten lassen, lesen, träumen oder das Schiff erkunden. Es gibt keinen Stress oder irgendwelche Unterhaltungsprogramme, die Kleidung ist leger und der Umgangston locker.

Am sechsten Tag wird die See unruhig, ein Wetter zieht auf. Jetzt zeigt sich ein weiterer Vorteil einer Atlantiküberquerung auf einem Frachtschiff. Das große und schwere Schiff hat einen wesentlich tieferen Gang, als ein Passagierschiff. Trotz starkem Seegangs spüre ich die Bewegungen des Schiffes kaum. Es liegt stabil und fast ruhig in den Wellenbergen. Ich spüre keinerlei Seekrankheit. Würde ich krank, müsste mir der zweite Offizier helfen. Er ist in erster Hilfe ausgebildet, da kein Arzt an Bord ist. Im Notfall könnte er sogar kleine Operationen durchführen. Passagiere die das 65. Lebensjahr erreicht haben, müssen übrigens ein ärztliches Attest vorlegen. Noch ein großer Pluspunkt ist, das es keinen Jetleg gibt. Die Zeitverschiebung kommt langsam und behutsam, Tag für Tag.

Mit einem Tag Verspätung laufen wir schließlich in den Hafen von New York ein. Ich komme mir vor wie einer der Einwanderer des letzten Jahrhunderts. Die Freiheitsstatue, Ellis Island und die Skyline von Manhattan in der Mittagssonne. Es fehlt mir schwer, mich nach 11 gemeinsamen Tagen von der Mannschaft zu verabschieden, denn wir haben uns gut verstanden und den Heimweg werde ich mit dem Flieger antreten. Schiff, Kabine und Gastronomie bekommen von mir fünf Sterne. Einen Service im eigentlichen Sinn kann man auf einem Frachtschiff nicht erwarten und es gibt auch keine Landausflüge.

Wer individuell reisen möchte, viel Zeit hat und auf ein Programm mit Showeinlagen, große Luxuskabinen und einen Rundumservice verzichten kann, dem würde ich immer wieder eine Frachtschiffreise empfehlen. Es gibt nicht schöneres, als bei Sonnenuntergang an Deck zu sitzen und den Delfinen zuzusehen, die das Schiff begleiten.

5 Kommentare zu “Frachtschiffreise nach New York”

  1. Herzlichen Dank für den Bericht. Genau so eine Reise würde ich gerne machen. Das Reisetempo wäre für mich genau richtig, um jemals nach New York zu kommen. Mit welcher Gesellschaft bzw. Schiff sind Sie denn gefahren und was war Ihr Starthafen? Das wäre sehr nett, wenn Sie mir das verraten würden. Danke und freundlicher Gruss, Susanne

  2. Probieren Sie es mal bei der Reederei Buss: http://www.buss-gruppe.de/
    Viele Schiffe laufen unter Charter, die Stammbesatzung der Offiziere ist zum Großteil deutscher Nationalität.

    Gruß aus Genua,
    Thomas

  3. Liebe Frachtschiffreisende und Interessenten,
    Einmal auf See wieder richtigen Sturm erleben, achtern ins Schraubenwasser
    sehen,
    noch einmal durch den Nord-Ostsee-Kanal fahren, einen Separator reinigen oder
    nur den Dieselgeruch im Maschinenraum schnuppern – das war mein Traum.

    Ende November 2009 ging er in Erfüllung.

    Ich war für eine Woche Passagier auf dem Feederschiff M/V Trans Alrek.

    2010 berichte ich monatlich mit Geschichten und Bildern von meiner Reise auf
    M/V „Trans Alrek“

    Eure Erlebnisse und diese könnt ihr hier nachlesen:
    http://www.musterrolle.de/comp...../catid,51/

    Beste Grüße aus Berlin

  4. Hallo Zusammen,

    bei diesem Bericht läuft mir das Wasser im Munde zusammen, denn ich habe diese Reise noch vor mir.Genua - New-York
    In 11 Tagen geht es in Genua an Bord der “CMA CGM AMBER” und ein alter
    Jugendtraum wird hoffentlich wahr.
    Vermittelt hat mir diese Reise http://www.internaves.com Christina Horn
    und ich bin mit der Unterstützung die ich bis jetzt für die
    Vorbereitung hatte äusserst zufrieden.
    Gruß und Ahoi Reinhold

  5. Mir hat sich im Sommer der Magen verkrampft und zwar am Ende unserer Frachtschiffreise, ebenfalls einer Atlantiküberquerung, als ich feststellte, dass ich den Anliegeplatz in Bremerhaven schon sehen kann und das Ende einer 17-tägigen Reise jetzt plötzlich da ist.
    Wir sind in NY an Bord gegangen und haben an drei weiteren Häfen angelegt, hatten teilweise Landgang und haben es genossen in schnell vertrautem Kreise die Seele baumeln zu lassen. Auf der Brücke , in der Sauna,auf dem Sonnendeck,beim frisch geräucherten Fisch,im Maschinenraum,im Pool einfach mal abschalten. wir würden es sofort wieder machen! Danke dem MSC Tanzania Team!!!

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